Christian Kelch

Christian Kelch, M.A.

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Christian Gerhard Kelch, M.A.
Historisches Seminar
Forschungsstelle Antiziganismus an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Hauptstraße 216
69117 Heidelberg

E-Mail:
christian.kelch@zegk.uni-heidelberg.de
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„Antiziganismus im postnationalsozialistischen Baden-Württemberg“

Im Zentrum der Analyse steht der Umgang mit den südwestdeutschen Sinti und Roma nach dem Versuch ihrer vollständigen Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Die Nachkriegsgeschichte der Sinti und Roma in Deutschland wird im bundesdeutschen Kontext als fortgesetzte Diskriminierung der Angehörigen der Minderheit rezipiert.

Zentrale archivalische Quellen für das vorliegende Teilprojekt mit dem Arbeitstitel „Antiziganismus im postnationalsozialistischen Baden-Württemberg“ sind die translokalen Bestände der Landespolizeidirektionen in Karlsruhe (für Baden) und Stuttgart (für Württemberg), die neben Quellen der Exekutiven auch Hinweise auf das „Zigeuner“-Bild anderer staatlicher Stellen liefern. Außerdem werden die sogenannten „südwürttembergischen Bestände“ im Staatsarchiv Sigmaringen und vorhandene gleichartige Bestände in anderen Standorten des Landesarchivs Baden-Württemberg gesichtet und durch eine Recherche nach zusätzlichen Dokumenten in den jeweils in Frage kommenden Stadt- und Kreisarchiven ergänzt.

Neben der Analyse des behördlichen Umgangs mit Angehörigen der Minderheit – insbesondere auf kommunaler Ebene – wird ein besonderes Augenmerk auf frühe Formen der Hilfe für die in der Regel aus nationalsozialistischer Lagerhaft (zurück-)kommenden Sinti und Roma geworfen. Untersucht wird ferner, inwieweit die mehrheitsgesellschaftlichen Einstellungen gegenüber den nach wie vor als „Zigeuner“ und nunmehr auch als „Landfahrer“ angesprochenen Angehörigen der Minderheit in Kontinuität zum nationalsozialistischen „Zigeuner“-Bild standen oder ob sich veränderte Wahrnehmungsmuster nachweisen lassen. Hierbei soll berücksichtigt werden, inwieweit sich der Umgang mit den überlebenden Sinti und Roma in den Vorgängerstaaten Baden-Württembergs, die unter der Aufsicht verschiedener (Württemberg-Baden unter amerikanischer und Baden sowie Württemberg-Hohenzollern unter französischer) Besatzungsmächte standen, in der frühen Nachkriegszeit unterschieden hat oder nicht. Eine weitere wichtige Quellengrundlage für das Teilprojekt bilden die Bestände der ehemaligen Landesämter für Wiedergutmachung. Neben einer Analyse der von behördlicher Seite im Zuge der Wiedergutmachungsverfahren tradierten Feindbilder (Katharina Stengel) soll bei der Recherche der Perspektive der Angehörigen der Minderheit und ihrer (anwaltlichen) Unterstützer – sofern es die Dokumente hergeben – eine besondere Beachtung zukommen.

Diese auf umfangreichen Archivrecherchen beruhende Analyse der Wahrnehmung der Sinti und Roma aus institutioneller Perspektive soll, soweit möglich, durch eine Auswertung von Quellenbeständen der südwestdeutschen Öffentlichkeit anhand von Zeitungsberichten ergänzt werden. Schließlich soll recherchiert werden, ob in den ehemals zu den Zentren der sogenannten „Rassenkunde“ gehörenden Universitäten Tübingen und Freiburg auch nach 1945 über den Themenkomplex „Zigeuner“ und „Landfahrer“ geforscht wurde bzw. wie mit den Forschungen der NS-Zeit umgegangen wurde. Da hinsichtlich des Antiziganismus – im Gegensatz zum offenen (nicht dem latenten) Antisemitismus – bis zur Ablösung der im Nationalsozialismus sozialisierten Beamten und städtischen Angestellten von einer Kontinuität auszugehen ist, erstreckt sich der Untersuchungszeitraum des Teilprojekts bis hinein in die 1970-er Jahre.