„Erziehung zur Gottes- und Nächstenliebe“: Das Wirken Adolf Scheffbuchs im Kultministerium von Württemberg-Baden

Adolf Scheffbuch um 1930 (Quelle: Privatarchiv Familie Scheffbuch) | Klicken zum Vergrößern

Im Zuge des Wiederaufbaus der Ministerien im deutschen Südwesten kamen im Kultministerium von Württemberg-Baden im Gegensatz zu den anderen Ministerien, wo mehrheitlich Verwaltungsbeamte wiedereingestellt wurden, vermehrt Pädagogen in einflussreiche Positionen – darunter auch zahlreiche gläubige Christen, die sich bei der Arbeit im Ministerium stark von ihrem Glauben leiten ließen. Erst kürzlich erschien beispielsweise die Biographie des Kultministers Gotthilf Schenkel (1889–1960), die auch seine theologische Tätigkeit detailliert untersucht. Im Folgenden soll hingegen eine bislang gänzlich unbekannte Persönlichkeit vorgestellt werden: Der Berufsschulpädagoge Adolf Scheffbuch (1905–1963) leitete in der Nachkriegszeit bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1963 die Abteilung für Berufsschulen im Kultministerium von Württemberg-Baden und Baden-Württemberg. Während seiner Amtstätigkeit gab er wichtige Impulse für den Wiederaufbau und die Neuausrichtung des Berufsschulwesens nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“. Im Zuge der Recherchen zu seiner Dissertation konnte der Autor den umfangreichen Privatnachlass des einflussreichen Berufsschulpädagogen und Politikers auswerten, der sich gegenwärtig im Besitz der Familie Scheffbuch befindet. Am Beispiel Scheffbuchs kann aufgezeigt werden, welchen Stellenwert die Religion und Konfession sowie christlicher Glaube in der Nachkriegszeit hatten und welche praktischen Auswirkungen diese auf die Politik des deutschen Südwestens hatten. In der Form eines Blogbeitrags kann dies allerdings nur exemplarisch geschehen.

Scheffbuch wurde am 6. November 1905 im württembergischen Weilheim an der Teck als Sohn eines Kaufmanns geboren. Die Familie war fest im württembergischen Pietismus verwurzelt und der junge Scheffbuch wuchs entsprechend mit zahlreichen Bibelstunden auf. Nach dem Besuch der Volks- und Elementarschule sowie eines Realgymnasiums entschied er sich zunächst für eine Bankenlehre. Nach einer anschließenden kurzen Tätigkeit in einer Textilfabrik studierte er zwischen 1925 und 1929 in Tübingen und Frankfurt am Main Betriebswirtschaftslehre und Pädagogik sowie Bankbetriebslehre, Volkswirtschaftslehre und Rechtswissenschaften. Nach der Diplomprüfung für das Handelslehramt an der Universität Frankfurt am Main Ende Februar 1928 wurde Scheffbuch in den württembergischen Handelsschuldienst an der Handelsschule in Stuttgart übernommen, wo er auch sein Referendariat absolvierte. Bis zu seinem Kriegseinzug im Jahr 1940 lehrte Scheffbuch an verschiedenen württembergischen Handelsschulen. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ gab den Nationalsozialisten eine Handhabe, um ihn zunächst Ende 1933 nach Backnang und anschließend an die Handelsschule in Heilbronn zu versetzen. Scheffbuch blieb den Nationalsozialisten bis zuletzt verdächtig und wurde deshalb auch nicht verbeamtet. Auch die Gestapo behielt den Pädagogen im Blick und führte in den Jahren 1934 und 1937 bei ihm Hausdurchsuchungen durch, weil er an der Verteilung von antinazistischen Flugblätter beteiligt gewesen war.

Den Nationalsozialismus lehnte Scheffbuch aus politischen und vor allem aus religiösen Gründen kategorisch ab und entwickelte während des „Dritten Reiches“ ein aktives Kirchenengagement. Der NSDAP trat er – im Gegensatz zu seinem Namensvetter – ebenfalls nicht bei. Seit 1935 gehörte er dem Kirchengemeinderat der Stuttgarter Johanneskirche sowie dem Stuttgarter Gesamtkirchengemeinderat an. Im Mai 1940 wurde Scheffbuch nach einer dreimonatigen Grundausbildung eingezogen. Aufgrund seiner antinazistischen Haltung waren alle UK-Gesuche wirkungslos. Als einer der wenigen Verbündeten Scheffbuchs im Ministerium verblieb Karl Stroheker, dessen Eingaben zugunsten Scheffbuchs an den Reichsstatthalter Murr im März 1944 wirkungslos blieben.

Quelle 1: Scheffbuchs Denkschrift über die „Zeitgeschichte und politische Bildung in der Berufsschule“ (Quelle: Privatarchiv Familie Scheffbuch) | Klicken zum Vergrößern

Ende April 1945 geriet Scheffbuch in die französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst Ende März 1946 entlassen wurde. Im Offiziersgefangenenlager von Larzac in Südfrankreich hielt er zahlreiche Vorlesungen und Vorträge zu historischen, staatrechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Themen. Hier war er zudem Leiter des sogenannten „Politischen Kreises“, der sich der politischen Umerziehung der Gefangenen widmete. Aus tiefer religiöser Überzeugung und der christlichen Nächstenliebe brachte sich Scheffbuch für seine Mitgefangenen ein. Auch war er maßgeblich an der Herausgabe einer Lagerzeitung beteiligt, für die er beispielsweise im Januar 1946 die Neujahrgrüße verfasste.

Auf dringende Empfehlung Strohekers, der Scheffbuch seit seiner Zeit als Handelsschulassessor gekannt hatte, wurde er unmittelbar nach seiner Entlassung Ende April 1946 in den württembergischen Staatsdienst aufgenommen und zum Handelsschulrat auf Lebenszeit ernannt. Scheffbuch wurde zunächst als Hilfsberichterstatter der Kunstabteilung des Kultministeriums zugewiesen. Doch bereits im September 1946 wurde er zum Oberregierungsrat befördert und als Berichterstatter für das kaufmännische Berufs- und Berufsfachschulwesen der Berufs- und Fachschulabteilung zugeteilt. Am 13. März 1948 folgte die Beförderung zum Regierungsdirektor und am 16. Oktober 1951 wurde Scheffbuch schließlich zum Ministerialrat ernannt. Der politisch unbelastete Berufsschulpädagoge war neben seiner Tätigkeit im Kultministerium auch aktiver Politiker: Am 26. Mai 1946 wurde er in den Stuttgarter Gemeinderat für die CDU gewählt; von 1946 bis 1950 war er zudem Abgeordneter im Landtag von Württemberg-Baden für den Wahlkreis Stuttgart, wo er auch dem Finanz- und Kulturpolitischen sowie dem Rundfunk- und Wohnungsbauausschuss angehörte.

Wie die anderen Abteilungen des Kultministeriums stand auch die Berufsschulabteilung in der Nachkriegszeit vor einem großen Personal- und Lehrermangel, der durch die strikte schematische Entnazifizierung der amerikanischen Militärregierung eingetreten war. Scheffbuch musste deshalb auf pädagogisch ungeschultes Personal zurückgreifen. Dennoch bemühte er sich um eine fundierte pädagogisch-methodische sowie wirtschaftlich-rechtliche Grundausbildung der QuereinsteigerInnen. Angesichts der moralischen Orientierungslosigkeit in der unmittelbaren Nachkriegszeit bemühte sich Scheffbuch neben der personellen Ausstattung der Berufsschulen vor allem um ihre inhaltliche Neuausrichtung. Deshalb forderte er die Etablierung der Zeitgeschichte im Bildungsplan der Berufsschulen, um das nationalsozialistische Gedankengut zu beseitigen: „Dabei soll es sich nicht um das Auswendiglernen von Daten handeln […], vielmehr um die Erarbeitung wichtiger politischer Erkenntnisse“, so Scheffbuch in einer undatierten Denkschrift (siehe Quelle 1 oben sowie angehängte Quelle unten). Weiterhin setzte er sich für die „Humanisierung der […] berufsbildenden Schulen und Modernisierung der […] allgemeinbildenden Schulen in Richtung größerer Lebensnähe“ ein. Scheffbuch wollte verhindern, dass die Berufsschulen zu reinen Fachschulen verkommen, sondern die BerufsschülerInnen sollten darin eine ganzheitliche Ausbildung sowohl im Berufsfach als auch in Politik und Geschichte erhalten. Ebenso energisch sprach er sich später für den sogenannten zweiten Bildungsweg aus, der den BerufsschülerInnen ein Hochschulstudium ermöglichen sollte. Die heutigen beruflichen Gymnasien finden ihren Ursprung in den Bemühungen dieses herausragenden Berufspädagogen.

Quelle 2: Vortrag von Scheffbuch über die „Sittliche und staatsbürgerliche Erziehung“ (gehalten 1950 in Stuttgart) (Quelle: Privatarchiv Familie Scheffbuch) | Klicken zum Vergrößern

Noch wichtiger war für Scheffbuch und seine Kollegen des Kultministeriums allerdings die Heranführung der (Berufs-) SchülerInnen zum christlichen Glauben, um somit die Ideologie des Nationalsozialismus auch aus den Köpfen der Menschen zu beseitigen. Die Abkehr der Menschen vom Glauben hatte ihrer Ansicht nach die moralische Verrohung der Menschen im frühen 20. Jahrhundert bewirkt, die schließlich in Deutschland den Aufstieg des Nationalsozialismus begünstigt haben soll: „Die Ursachen unserer neuzeitlichen Nöte ist die gegenwärtige moralische Krise. Sie geht zurück auf eine religiöse Krise“, so Scheffbuch während einer Tagung in Stuttgart im Jahr 1950 (siehe Quelle 2). Auch der erste Ministerialdirektor und späterer Kultminister von Württemberg-Baden Theodor Bäuerle sah in der Abkehr des Menschen vom Glauben einen wichtigen Grund für den Aufstieg des Nationalsozialismus: „Wir haben es erfahren müssen, daß eine Zeit, die an die Stelle Gottes den sich selbst vergötzenden Menschen setzt, bald im Unmenschlichen und Untermenschlichen versinkt,“ so Bäuerle bei der Eröffnung der evangelischen Ludwig-Hofacker-Gemeinde in Stuttgart am 12. Februar 1950 (Anm. 1). Bis heute ist diese Gemeinde übrigens sehr eng mit dem Namen Scheffbuch verbunden. Zweifelsohne lässt sich der Aufstieg des Nationalsozialismus nicht nur mit der Abkehr der Menschen vom Glauben erklären, für Scheffbuch und seine Kollegen sowie zahlreiche andere Menschen in Deutschland war die Rückbesinnung auf Christus jedoch eine wichtige moralische Stütze in der orientierungslosen Nachkriegszeit.

Im Laufe der Zeit wurde es zudem für Scheffbuch zur Tradition, seine Lehrgänge an den staatlichen Akademien mit einer Andacht zu beginnen. Diese wurden dem Ministerialdirektor Franz Gantert und selbst einigen Theologen im Land angesichts der Trennung von Kirche und Staat zunehmend verdächtig. Ein evangelischer Religionslehrer an der höheren Handelsschule in Reutlingen beruhigte schließlich den Ministerialdirektor in einem Schreiben vom 22. März 1961: „Man hatte bei dieser Ankündigung nicht das Gefühl, daß ein Vorgesetzter von seinen Untergebenen etwas verlangt, sondern es geschah eher, wie ein Familienvater seine Familie vor Gott um sich sammelt. Die Andachten selbst wurden […] in einer feinsinnigen, […] echten und persönlichen Weise gehalten, sodaß sie wirklich zur christlichen Besinnung wurden, […] gerade weil sie nicht darauf ausgingen, den einen Glaubensstandpunkt gegen den anderen auszuspielen“. Auch betonte Scheffbuchs Kollege in seinem Schreiben an den Ministerialdirektor, „daß er die Sache des Glaubens und die Angelegenheiten des Dienstes in echter Weise trennt“ (Anm. 2). Das Wirken Adolf Scheffbuchs verdeutlicht, welchen Stellenwert die Religion und der Glaube an Christus in der unmittelbaren Nachkriegszeit in der Bevölkerung und auch in den Ministerien des deutschen Südwestens vor allem angesichts der moralischen Überwindung des Nationalsozialismus innehatten. Bereits der Ministerialdirektor des Staatsministeriums von Württemberg-Baden Hermann Gögler forderte 1946 in seinen „Gedanken zum Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“, dass jeder einzelne bei sich selbst anfangen müsse, „sein Gewissen zu erforschen, worin er noch auf falschem und verderblichem Weg ist, sein Lebensbild neu aufzubauen und zu handeln nach den unverbrüchlichen Grundsätzen göttlicher, christlicher und sozialer Weltordnung und diese Erkenntnis in seinen Umkreis auszustrahlen. Das ist dein Beitrag zur Gesundung deutschen Wesens!“ (Anm. 3) Adolf Scheffbuch ist für dieses politische und moralische Plädoyer Göglers ein anschauliches Beispiel.

Anm. 1: 50 Jahre Ludwig-Hofacker-Kirche Stuttgart, Stuttgart (Februar) 2000, S. 9.

Anm. 2: Privatarchiv Familie Scheffbuch, Pfarrer Dr. Gerhard Noller an Ministerialdirektor Franz Gantert, 22. März 1961.

Anm. 3: Gögler, Hermann: Gedanken zum Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus, in: Der Standpunkt. Zeitschrift für die Gegenwart 1,4 (1946), S. 10.

Quelle_Blog_Scheffbuch_Zeitgeschichte-und-politische-Bildung-in-der-Berufsschule

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