Der »Befreiungsminister« Gottlob Kamm – Feindbild und Beglaubigungsinstanz

Das gesamte deutsche Entnazifizierungsprojekt stand vor einem zentralen Problem: Einerseits sollten die Bürgerinnen und Bürger für die Demokratie gewonnen werden, andererseits sahen diese sich zunächst einem frustrierend langwierigen und für die weitere Karriere bedrohlichen Überprüfungs-Verfahren gegenüber, das die Attraktivität der Demokratie erheblich mindern konnte. Dieses Problem ließ sich nicht auflösen. Stattdessen mussten die Verantwortlichen einen Weg finden, damit umzugehen. Dies zeigt sich insbesondere an der Person des Sozialdemokraten und Schorndorfer Bürgermeisters Gottlob Kamm. Jener sollte seit März 1946 als Staatsminister für politische Befreiung in Württemberg-Baden ein Ministerium aufbauen, dass in der Lage war, möglichst rasch das »Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ umzusetzen. Das bedeutete, rund zweieinhalb Millionen Menschen nach festgelegten Regeln zu überprüfen und in die entsprechenden Kategorien (von hauptschuldig bis entlastet) einzuordnen, die das Gesetz vorgab. Wer war der Mann, dem es nun oblag, diese gewaltige und unbeliebte Aufgabe anzugehen und der die administrative Verantwortung für die Entscheidung über das weitere Leben von Millionen seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger trug?

Gottlob Kamm war 1897 in Schorndorf geboren worden und absolvierte nach der Volksschule eine Lehre zum Mechaniker. Nach Abschluss der Lehrzeit wurde er zum Wehrdienst einberufen und diente an der Westfront, wo er im Sommer 1918 schwer verwundet den rechten Oberschenkel einbüßte. Er galt seitdem als 80 Prozent schwerkriegsbeschädigt. Nichtsdestotrotz fand er in der Weimarer Republik zunächst eine Anstellung als Mechaniker, bevor er nach Umschulungsmaßnahmen als Sachbearbeiter bei der Hauptfürsorgestelle Stuttgart und anschließend beim Deutschen Metallarbeiterverband wirkte. Ab Mitte der 1920er Jahre engagierte er sich in der sozialdemokratischen Kommunalpolitik und arbeitete seit 1931 als Lokalredakteur für die Göppinger »Freie Volkszeitung« und selbstständiger Kaufmann. Nach der sogenannten »Machtergreifung« der Nationalsozialisten Ende Januar 1933 durfte er das Rathaus nicht mehr betreten und kam im Zuge der Einschüchterungsmaßnahmen der neuen Machthaber für vier Monate in Schutzlagerhaft in Kuhberg bei Ulm. Nach seiner Entlassung musste er zeitweise wieder als Mechaniker arbeiten und hatte immer wieder unter Repressalien zu leiden, sein Sohn wurde wegen Hochverrat verhaftet, seine Bibliothek bei einer Hausdurchsuchung eingezogen und gegen ihn selbst liefen mehrfach Verfahren. Zugleich war Kamm aber auch Mitglied einiger NS-Gliederungen wie der Deutschen Arbeitsfront, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung. Diese Mitgliedschaften weisen darauf hin, dass der Sozialdemokrat versuchte, sich durch eine begrenzte Partizipation bei innerer Ablehnung halbwegs in der Diktatur einzurichten. Seine Schutzhaft- und Verfolgungserfahrungen waren ihm mutmaßlich Warnung genug.

Trotz seiner negativen Erfahrungen während des »Dritten Reiches« wies Kamm, als er nun in eine mächtige Position einrückte, sämtliche Rachevorstellungen weit von sich. Es ging ihm vielmehr darum, die Deutschen zur Demokratie zu erziehen und ein erster Schritt hierzu sei nun einmal, dass die Bevölkerung Verantwortung für ihre Beteiligung am NS-Staat übernehme. Das Entnazifizierungsverfahren interpretierte er als eine Möglichkeit, dem Ausland zu beweisen, dass die Deutschen es mit einem Neuanfang ernst meinten. Seine Position – und das war Kamm durchaus bewusst – war dabei alles andere als einfach, musste er doch einerseits im Auftrag der Siegermächte gegen das eigene Volk ermitteln, das man ja erst für die Demokratie gewinnen wollte, und andererseits die Bevölkerung davon überzeugen, dass dieses Verfahren in ihrem Interesse liege. Kamm fasste für sich persönlich die Probleme dieser schwierige Doppelaufgabe mit den folgenden Worten zusammen: »Wer auf deutscher Seite an diesem Gesetz mitgearbeitet hat, der wird zeitlebens die seelischen Qualen und den seelischen Zwiespalt in die er hineingeraten war, nicht vergessen«. Aber es blieb nicht allein bei einer persönlichen Auseinandersetzung mit den Herausforderungen seines Amtes. Denn Kamm wurde auch zur öffentlichen Figur, die gewissermaßen das Gesicht der Entnazifizierung in Württemberg-Baden war. Dabei lässt sich aus den Quellen die zwiespältige oder polarisierende Rolle erschließen, die Kamm in den Augen seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger zukam. Für die einen galt er als Aufbauhelfer der Demokratie, für die anderen war er ein Feindbild und ein Verräter am eigenen Volk, der rücksichts- und ehrlos die Befehle der Siegermächte exekutierte.

Da im Zuge der Entnazifizierungsverfahren Leumundszeugnisse eingereicht werden konnten, welche die persönliche und politische Tadellosigkeit der jeweils Überprüften belegen sollten, begann schon bald die Jagd nach Bestätigungsschreiben möglichst angesehener Persönlichkeiten. Nicht wenigen ehemaligen NSDAP-Mitgliedern erschien es deshalb ratsam, sich an den Minister selbst zu wenden, denn sie rechneten offenbar damit, dass ein Zeugnis des Hauptverantwortlichen für das gesamte Befreiungsgesetz sich im eigenen Verfahren positiv auswirken werde. In Kamms Nachlass finden sich deshalb die Bittschreiben zahlreicher Menschen, die glaubten, irgendwie berechtigt zu sein, sich an den Minister als Beglaubigungsinstanz für die eigene Unschuld zu wenden. Die Schreiben sind in der Regel unterwürfig formuliert und viele Personen waren mit Kamm eher weitläufig bekannt und bemühten sich, erst einmal in Erinnerung zu rufen, woher der Minister sie überhaupt kenne. Selbst ein ehemaliger Kollege mit dem Kamm in den Jahren 1921–1923 bei der Hauptfürsorgestelle gearbeitet hatte, wünschte sich eine Bestätigung, dass er damals (!) nie über die NSDAP gesprochen habe. Den Bitten um Hilfe und persönliche Intervention kam Kamm im Rahmen seiner Möglichkeiten nach, ohne jedoch von oben in Verfahren einzugreifen. Allzu dreiste Forderungen lehnte er allerdings ab, denn als sich im Juni 1948 ein Schorndorfer Polizist mit einem langen Beschwerdebrief an ihn wandte, um das Ergebnis seines Verfahrens zu beklagen, wies Kamm ihn zurück. Der Polizist behauptete, er habe im Geheimen seine schützende Hand über Kamm gehalten und dafür müsse der Minister ihm heute dankbar sein und sich erkenntlich zeigen. In seinem Antwortschreiben lehnte Kamm jede Unterstützung ab, da er den Mann überhaupt nicht kenne und wurde grundsätzlich, was die Anfragen dieser Art anging, die ihn seit Jahren erreichten: »Es ist eigenartig, dass heute alle vom kleinsten Polizisten bis zum grössten Gestapo-Beamten nur für mich eingetreten sind. Woher kamen dann die dauernden Verfolgungen?«

Kamm war sich nur zu bewusst, dass seit dem Kriegsende und zumal seit dem Inkrafttreten des Befreiungsgesetzes zahlreiche Menschen angefangen hatten, ihren Lebenslauf umzudeuten und nun verzweifelt nach Leuten suchten, die ihnen helfen konnten, diese Neuinterpretationen zu beglaubigen. Dass aber selbst Kamm mit solchen Versuchen behelligt wurde, zeigt nur, wie weit verbreitet diese Praxis war. Der Minister konnte sich offenbar ausrechnen, dass es den meisten Schreibern nicht darum ging, vergangenes Unrecht wiedergutzumachen oder sich Rechenschaft über ihre Taten abzulegen, sondern sie wollten lediglich einen ministeriell beglaubigten Neustart. Selbst Menschen, die Kamm – wie oberflächlich auch immer – persönlich von früher kannten, nutzen dies allein, um persönliche Vorteile zu erlangen. Hinter dem angesprochenen Helfer in der Not, an den sich die Menschen wandten, schien deshalb immer auch eine Art Feindbild durch. Das Opfer der Nationalsozialisten war nun in eine mächtige Position eingerückt und das allein war der Hauptgrund, um sich an ihn zu wenden. Aber auch für einzelne Sozialdemokraten und NS-Opfer blieb Kamm eine ambivalente Figur, denn sie beschwerten sich in ihren Bittschriften wiederum, dass die Strafen viel zu milde seien und die Opfer vollumfänglich aus dem Vermögen der ehemaligen Parteigenossen zu versorgen seien. Letztlich konnte es Kamm unmöglich allen Recht machen; am wenigsten allerdings den überzeugten Nationalsozialisten, für die er das verhasste Entnazifizierungsverfahren geradezu verkörperte.

Diese Tatsache illustriert ein Fall aus dem frühen Rechtsterrorismus: Im Herbst 1946 formte sich um den 23-jährigen ehemaligen Soldaten Siegfried Kabus eine Untergrundorganisation, deren Ziel darin bestand, den Entnazifizierungsprozess zu stoppen. Kabus, der seinen jugendlichen Mitstreitern vortäuschte, er sei ein ehemaliger SS-Offizier und Mitglied einer wesentlich größeren Geheimorganisation verdeckt operierender Waffen-SS-Männer, besorgte Waffen und Sprengstoff aus Altbeständen, um Bombenanschläge gegen Spruchkammern durchzuführen. Als Teil dieser Pläne sollte auch Gottlob Kamm ermordet werden. Tatsächlich kundschaftete die Gruppe sein Haus bereits aus, um ihn zu entführen und als Verantwortlichen für die Entnazifizierung vor ein »Feme-Gericht« zu stellen und zum Tode zu verurteilen. Bevor es soweit kam, wurde die Gruppe allerdings nach einigen aufsehenerregenden Bombenanschlägen auf Spruchkammerstandorte vom amerikanischen Militärgeheimdienst enttarnt.

Die unterwürfigen Bittschriften einerseits und die erschreckenden Mordpläne andererseits erhellen schlaglichtartig, zwischen welchen beiden Polen sich Kamm und damit das gesamte Entnazifizierungsprojekt bewegten. Kamm zog aus der Tatsache, dass ihm »die Geheim-Organisation der NSDAP […] schon länger das Todesurteil zugesandt« hatte auf der einen Seite und den Beschwerden seitens der Linken, er gehe viel zu milde mit den ehemaligen Parteigenossen um, auf der anderen Seite, den Schluss, »Mitläufer wiederum für die Demokratie zu gewinnen.« Dieser Mittelweg allein erschien ihm als eine leidliche Lösung der problematischen Aufgabe, welcher er sich gegenübersah, und als die einzige Möglichkeit, schließlich eine funktionierende Demokratie aufzubauen, die nicht durch Millionen frustrierter Entnazifizierter abgelehnt werden würde. Denn ohne Integration der Mitläufer, so seine Überzeugung, habe auch die Demokratie keine Chance, trotz aller damit verbundenen moralischen Kosten.

Dr. Sebastian Rojek

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