Politische Infektiologie – Metaphorologische Einsichten in die Ziele der Entnazifzierung als Quarantänemaßnahme

Fragen an »die Geschichte« erwachsen häufig aus den Erfahrungen der Gegenwart. Vor diesem Hintergrund eröffnet die Covid-19-Pandemie, die sich seit Ende 2019 entlang globaler Lieferketten und Knotenpunkte der Netzwerke von Menschen und Waren rasant verbreitet hat, eine interessante Perspektive auf die Sprachbilder, mit denen sich die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg die Ziele der Entnazifzierungsmaßnahmen vor Augen zu führen versuchten.

In Württemberg-Baden war der Sozialdemokrat und Schorndorfer Bürgermeister Gottlob Kamm (1897-1973) als Staatsminister für politische Befreiung von April 1946 bis zu seinem Rücktritt im Februar 1948 für die Durchführung des »Gesetzes zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus« verantwortlich. Kamm nahm seine Aufgabe sehr ernst und reiste durch das Land, um vor den Vorsitzenden der neu gebildeten Spruchkammern, in Rundfunkansprachen und auf Konferenzen für eine erfolgreiche Umsetzung des Gesetzes zu werben. Diese öffentlichen oder teilöffentlichen Auftritte erlauben einen tieferen Einblick in die Zielvorstellungen, die für den Hauptverantwortlichen mit dem gesamten Entnazifizierungsprojekt einhergingen.

Die Ziele des Gesetzes sah er nicht in einer Bestrafung, handelte es sich doch nicht um ein Strafgesetz, sondern um eine Sühnemaßnahme, die bei erwiesener Belastung durch Geldzahlungen oder einfache Arbeit analog zu von Gerichten verhängten Sozialstunden abzuleisten war. Ferner konnten politisch Belastete für eine gewisse Zeit von der Partizipation am politischen Prozess ausgeschlossen werden. Wenn im Zuge der für die Überprüfung und Beurteilung der Bevölkerung zuständigen Spruchkammerverfahren Straftaten wie Morde oder Körperverletzungen bekannt wurden, so wurden die Fälle an ordentliche Gerichte überwiesen, die dann die Ermittlungen übernehmen und ein Strafverfahren einleiten sollten.

Der Befreiungsminister weigerte sich aber auch, »in der Denazifizierung ein moralisches Problem zu sehen«. Vielmehr betrachtete er das gesamte Verfahren in pragmatischer Weise als »rein politisch«. Es ging ihm darum, die Bürgerinnen und Bürger daraufhin zu prüfen, ob sie für eine stabile Demokratie in Frage kämen. Obwohl Kamm unter der nationalsozialistischen Herrschaft gelitten und unter anderem mehrere Monate in Konzentrationslagerhaft hatte verbringen müssen, wies er Rachegedanken klar zurück: »Wer Hass mit Hass vergelten will […], ist für unsere Aufgabe nicht geeignet«, ließ er seine Hörer wissen. Für ihn war das gesamte Verfahren ein Prozess, in dem die Deutschen der Welt und vor allem sich selbst beweisen konnten, dass sie »aus dieser Katastrophe gelernt und die notwendigen Folgerungen gezogen« hatten. Es ging ihm um eine offene Abkehr von den Ideen des Nationalsozialismus und eine Hinwendung zur Demokratie im westlichen Sinne, wobei ihm insbesondere England und die Vereinigten Staaten von Amerika als vorbildlich erschienen. Aus dieser Perspektive entpuppte sich die Entnazifzierung als Teilprozess einer »Suche nach Sicherheit« (Eckart Conze), die in der historischen Forschung als wesentliches Interpretament der bundesdeutschen Geschichte nach 1945 ausgemacht worden ist. Kamm definierte seinen Aufgabenbereich als »Sicherheitsmassnahme«. Aber Sicherheit wovor? An dieser Stelle bediente sich der Minister, um seine Ziele den Zuhörerinnen und Zuhörern zu veranschaulichen, einer Metaphorik politischer Infektiologie, die sich mindestens bis in den Vormärz zurückverfolgen lässt und bis heute besteht. Seit der Französischen Revolution existierte ein metaphorischer Strang politischer Sprachen, der die rasante Ausbreitung neuer Ideen als »Epidemie« charakterisierte. Dies hatte – aus Sicht der Monarchien und ihrer Polizei – den Vorteil in eingängiger Weise sowohl die Geschwindigkeit zu beschreiben, mit der sich radikale Ideen in der Bevölkerung verbreiteten, als auch die potentiell gefährlichen Folgen auf den Begriff zu bringen. Phänomene sozialer Ansteckung beschäftigen dabei die postnapoleonischen Sicherheitsbehörden ebenso wie die frühe Soziologie. Als geeignete Gegenmaßnahmen zur Unterbrechung der politischen Infektionsketten erschienen deshalb Zensur und Kommunikationskontrolle. Diese metaphorische Tradition aktualisierte nun Kamm in seinen Äußerungen. Die nationalsozialistische Weltanschauung war demnach »ein Pest Bazillus, der uns und andere Völker infizierte«. Zwar sei die »Krankheit« vorerst besiegt, aber «die Gefahr der Ansteckung besteht weiter«. Die Entnazifzierung sollte also Sicherheit vor erneuter Ansteckung durch den NS-Bazillus gewährleisten.

Aber wie sollte das möglich sein? Kamm blieb auch hier ganz im Bild politischer Infektiologie, wenn er die Maßnahmen so beschrieb, als habe es sich beim Nationalsozialismus wirklich um eine Epidemie gehandelt. Dementsprechend wollte er dieselben Schritte ergreifen, die seit Jahrhunderten immer wieder ergriffen worden sind, um mit hochansteckenden Krankheiten ohne Aussicht auf rasche Heilung umzugehen: Quarantäne und soziale Distanzierung. In diesem Sinne führte er aus: »Wie bei der Pest nicht nur Kranke, sondern auch Gesunde, die mit ihnen in Berührung waren, abgesondert werden, bis klar ist, dass beim Letzteren keine Infektion stattfand, so werden jetzt bei uns die ehemaligen Parteigenossen, Aktivisten oder nicht, erst einmal isoliert.«

Während dieser Quarantäne sollte sich dann herausstellen, wer ernsthaft erkrankt war und wer (wieder) geheilt: »Wer während dieser Isolierung die Härte mit sich bringt und meint, der Nationalsozialismus habe doch Recht gehabt, auf jeden Fall habe sich nichts gebessert, der ist infiziert, der ist krank. Wer aber in Geduld dem Tag seiner Rehabilitierung entgegensieht, die Arbeit verrichtet, die ihm geboten wird, der ist gesund, ist kein Nationalsozialist, auch wenn er Parteigenosse war.«

Durch den Vergleich mit der Pest des Mittelalters verwies der Minister auf eine der verheerendsten Epidemien der Geschichte, die bis heute als Symbol für die zerstörerischen Konsequenzen von Infektionskrankheiten steht. Für den Sozialdemokraten Kamm, der während der Weimarer Republik mit ansehen musste, wie sich der Nationalsozialismus immer schneller verbreitete und nach 1933 weite Teile der Gesellschaft erfasste, die ihn und seine gewissermaßen immun gebliebenen Mitstreiter verfolgten und ausgrenzten, stellte das Sprachbild der Epidemie wahrscheinlich auch eine erfahrungsgesättigte Variante dar, sich das Geschehen der letzten 12 Jahre augenfällig zu machen: »Wir waren in den Hitlerjahren entehrt, uns bestritt man die Vaterlandsliebe, wir waren keine Volksgenossen, sondern Judenhörige, wenn wir für die Juden ein Wort wagten.« (Unterstreichung i. O.)

Tatsächlich hatte die frühe NSDAP, wie Lokalstudien belegen, ihre Mitglieder vor allem über Nachbarschaftsnetzwerke gewonnen also gewissermaßen über eine direkte Ansteckung von Mensch zu Mensch. In der Krise der Republik schließlich, gingen die Ideen »viral«, um einen aktuellen Ausdruck zu verwenden, der ebenfalls in infektiologischer Metaphorik die rasante Verbreitung von Ideen, Bildern oder Texten im digitalen Raum beschreibt. Dabei geht es hier gerade nicht darum, dieses Sprachbild als analytische Kategorie zur Erklärung der Verbreitung und schließlich Eindämmung des Nationalsozialismus einzuführen. Vielmehr gilt es, die politische Sprache transparent zu machen, mit der ein Teil der Zeitgenossen versuchte, eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie eine Entnazifzierung erfolgen könne. Die Analogien zwischen rasanter Ausbreitung und zerstörerischen Folgen stifteten einen offenbar hinreichend plausiblen Zusammenhang zwischen Epidemien und politischen Ideen. Diese Sprache, die potentiell auch eine Entlastungsstrategie für die unschuldig NS-Erkrankten bot, schlug wiederum auch auf die Zielvorstellungen der Entnazifzierung durch, die dann als eine Art politischer Quarantäne erschien. Indem sich die Bevölkerung erst nach ihrer Überprüfung wieder schrittweise am politischen Prozess beteiligen konnte, sollte sichergestellt werden, dass radikale Nationalsozialisten und chronisch Unbelehrbare nicht erneut Unheil stiften konnten. Die pragmatische Herangehensweise Gottlob Kamms baute letztlich darauf, dass die Menschen schließlich einsehen würden, dass die Demokratie das überlegene System sei. Dies aber brauchte Zeit und deshalb war eine Quasi-Quarantäne vonnöten. Aus dieser Sichtweise war es auch weniger wichtig, dass die Menschen sich aus innerstem Herzen zur Demokratie bekannten, viel wichtiger war hingegen, dass sie sich nicht mehr offen zum Nationalsozialismus bekennen konnten. Wenn diese Ziele erreicht waren, konnte ein Demokratisierungsprozess beginnen, der allerdings »Jahre brauchen« würde, wie Kamm freimütig einräumte.

Seine Semantik setzte dabei darauf, dass die erhofften Erfolge der Demokratie sich in eine Stabilitätsgarantie ummünzen ließen, die flankiert durch politische Erziehungsmaßnahmen dafür sorgte, dass eine »gesundes« Staatswesen entstehen konnte. Gottlob Kamm vermied es dabei, die ehemaligen Menschen selbst mit den Bazillen zu identifizieren, wie es die biologistische Semantik der Sozialhygieniker seit der Jahrhundertwende getan hatte. Ihm ging es – im Gegensatz zu den Nationalsozialisten und ihren Helfershelfern aus der Wissenschaft – nicht darum potentiell gefährliche Menschen zu vernichten, sondern politische Ideen solange zu neutralisieren, bis die Demokratie an Robustheit gewonnen hatte. An dieser Differenz zeigt sich aber zugleich der schmale Grat, der eine infektiologische Metaphorik als vergleichsweise plausiblen Analogie für soziale Tatsachen vom Abgrund einer diese Sprachbilder ernst nehmenden Verwendungsweise trennte.

Dr. Sebastian Rojek

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